Value-Strategien gelten vielen Anlegern als etwas aus der Zeit gefallen. Ein Blick in die Daten zeigt jedoch, dass professionell gemanagtes Value-Investing über Jahrzehnte hinweg robuste Mehrerträge geliefert hat und Portfolios gegen Bewertungsblasen widerstandsfähiger machen kann. Für vermögende Privatpersonen ist Value ein moderner, datengetriebener Baustein, der Renditepotenzial, Cashflows und Risikosteuerung verbindet, betont Harald Sporleder, Chief Investment Officer der Value-Boutique Lingohr Asset Management.
Value-Investing klingt für viele vermögende Anleger zunächst nach einem Klassiker aus einer anderen Zeit: „bewährte“ Geschäftsmodelle, günstige Bewertungen, wenig Glamour. Gleichzeitig dominieren seit Jahren Wachstumsstories von Tech-Giganten und KI-Fantasien die Schlagzeilen. Wer sich die Daten genauer ansieht, erkennt jedoch: Eine qualitativ hochwertige, professionell gesteuerte Value-Strategie kann in der strategischen Asset Allocation vermögender Privatpersonen einen substanziellen Mehrwert liefern. Denn Value beschreibt die systematische Übergewichtung von Unternehmen, die im Verhältnis zu ihren Fundamentaldaten unterbewertet erscheinen – gemessen etwa an Kennzahlen wie Kurs-Buchwert-Verhältnis, Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Cashflow und anderen kombinierten Bewertungsfaktoren mit dem Ziel, Unternehmen zu kaufen, deren Preis nachweislich hinter der Ertragskraft zurückbleibt.
Value-Prämie nicht als glatte Linie
Die Basis dafür ist gut dokumentiert. Bereits die klassischen Arbeiten von Eugene Fama und Kenneth French zeigen für den US-Markt seit den 1920er-Jahren eine deutliche Value-Prämie: Günstiger bewertete Unternehmen erzielten im Durchschnitt über Jahrzehnte hinweg einen Mehrertrag von rund drei bis vier Prozentpunkten pro Jahr gegenüber Wachstumsaktien, nach Abzug des allgemeinen Marktrisikos. Ähnliche Muster finden sich in internationalen Märkten. Spätere Studien, etwa von Clifford Asness und Frazzini („Value and Momentum Everywhere“), weisen Value-Prämien über verschiedene Anlageklassen hinweg nach. Für vermögende Anleger heißt das: Es handelt sich nicht um einen Zufallsfund in einer einzelnen Phase, sondern um ein robustes, vielfach bestätigtes Phänomen – mit der wichtigen Einschränkung, dass es nicht jedes Jahr und nicht in jedem Jahrzehnt gleich stark sichtbar ist. In der Praxis zeigt sich die Value-Prämie nicht als glatte Linie, sondern als Folge von Phasen: längere Durststrecken, in denen Wachstumsaktien dominieren, gefolgt von Perioden deutlich überdurchschnittlicher Value-Erträge. Die 2010er-Jahre waren ein Lehrbuchbeispiel für eine solche Durststrecke. In einer Welt extrem niedriger Zinsen und dominanter Tech-Giganten liefen viele klassische Value-Indizes über Jahre der Wachstumsseite hinterher.
Gezielte Value-Allokation kann Risiko anders verteilen
Qualitativ starke Value-Manager haben in dieser Phase ihre Modelle weiterentwickelt: Bewertungskennzahlen wurden stärker auf Bilanzqualität und Cashflow ausgerichtet, strukturell erodierende Geschäftsmodelle konsequenter ausgeschlossen, sektorale Klumpenrisiken reduziert. Aus einfachen „billig ist besser“-Ansätzen wurden ausgefeiltere Strategien, in denen Value-Signale mit Profitabilität, Verschuldung und Governance verknüpft sind. Empirische Auswertungen zeigen, dass solche „Quality-Value“-Ansätze während der Value-Schwächephase deutlich weniger underperformt haben als simple Low-Price-Strategien. Für die Asset Allocation von vermögenden Privatpersonen ist Value vor allem aus zwei Gründen interessant: als langfristiger Renditehebel und als Diversifikationsbaustein. Auf Basis historischer Indizes und Studien ist es realistisch, für ein global breit angelegtes, professionell gemanagtes Value-Mandat langfristig (also über zehn, fünfzehn oder mehr Jahre) eine Mehrperformance von grob ein bis zwei Prozentpunkten pro Jahr gegenüber einem reinen Marktportfolio zu erwarten.
Zugleich korrelieren Value-Strategien nicht vollständig mit dem Rest des Aktienexposures. In Phasen fallender Zinsen, hoher Wachstumsfantasie und Tech-Euphorie haben Wachstums- und Qualitätsstrategien die Nase vorn. Kommt es dagegen zu einem Regimewechsel – etwa durch steigende Realzinsen, höhere Inflation oder das Platzen von Bewertungsblasen –, dreht die Marktmechanik: Auf einmal werden stabile Cashflows, Substanz und moderat bewertete Geschäftsmodelle neu entdeckt. Historisch haben Value-Portfolios nach der Dotcom-Blase oder in Teilen des jüngsten Zinsregimes gezeigt, dass sie dann erhebliche Aufholbewegungen erzielen können. In einem Gesamtportfolio, das ansonsten oft schon stark von Growth- und Quality-Titeln, Private Equity oder Tech-Exposure geprägt ist, kann eine gezielte Value-Allokation daher die Ertragsquellen verbreitern und das Risiko anders verteilen.
Value als Cashflow-Argument
Ein weiterer Aspekt ist die Rolle von Value für die Stabilität in Blasenphasen. Professionell konstruierte Value-Portfolios neigen dazu, nicht in jene Titel zu investieren, die gerade am stärksten durch Erwartungen und Storytelling getrieben sind. Das heißt nicht, dass Value-Investoren automatisch alle Übertreibungen vermeiden – aber sie haben strukturell geringere Übergewichte in den am höchsten bewerteten Segmenten. Drawdowns werden damit zwar nicht verhindert, aber sie fallen oft weniger extrem aus als in Portfolios, die ungebremst der jeweils aktuellen Wachstumsstory folgen. Hinzu kommt ein Cashflow-Argument. Weil viele Value-Unternehmen reifere, Cashflow-starke Geschäftsmodelle mit etablierten Dividenden aufweisen, liegen Dividendenrenditen in Value-Portfolios historisch im Schnitt über denen breiter Marktindizes. Das ist wichtig für Anleger, die aus ihrem Vermögen regelmäßig Entnahmen finanzieren oder stiftungsähnliche Zwecke erfüllen. Professionelle Manager können diesen Einkommenscharakter durch gezielte Titel- und Sektorallokation verstärken, ohne dabei die Substanzorientierung des Ansatzes zu verwässern.
Für eine erfolgreiche Value-Strategie brauchen Anleger die notwendige Geduld und Disziplin mitbringt. Gerade Letzteres ist ein unterschätzter Mehrwert professioneller Steuerung: In Phasen, in denen Value unpopulär ist, ist der Druck groß, die Strategie aufzugeben, bevor sich der Zyklus dreht. Ein klar definierter, kommunikativ gut begleiteter Value-Baustein im Rahmen eines Mandats wirkt hier wie ein verhaltensökonomischer Schutzmechanismus gegen kurzfristigen Opportunismus. Er zwingt dazu, die eigenen Überzeugungen auch dann durchzuhalten, wenn der Markt vorübergehend eine andere Geschichte erzählt.