Warum der Umgang mit Run-off-Beständen über die Zukunft der Lebensversicherung entscheidet

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Der Run-off wird oft als technischer Befreiungsschlag verkauft. Für viele Versicherte fühlt er sich jedoch wie ein schleichender Vertrauensbruch an. Wenn Altbestände nur noch bilanziell optimiert werden, gerät das Grundversprechen der Lebensversicherung ins Wanken. Warum Reformen ohne moralische Leitplanken die Altersvorsorge gefährden können, erklärt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.

Sollten die aktuellen Reformprozesse in der Lebensversicherungsbranche vor allem dazu führen, Altbestände schneller, stiller und technisch eleganter aus den Bilanzen der Erstversicherer zu lösen, dann drohen sie unbeabsichtigt selbst zum Treiber weiterer Run-off-Aktivitäten zu werden. Ein solcher Entwicklungspfad würde nicht nur bestehende Vertrauensdefizite vertiefen, sondern den dringend notwendigen Neubeginn der privaten Altersvorsorge bereits im Ansatz gefährden. Diese Mahnung ist bewusst am Anfang dieses Beitrages gesetzt, weil sie der eigentliche Grund ist, warum er geschrieben wurde. Nicht um ein einzelnes Instrument zu skandalisieren, sondern um aufzuzeigen, wie nah ökonomische Rationalität und moralische Verantwortung in der Lebensversicherung beieinanderliegen – und wie leicht sie auseinanderdriften können.

Die Lebensversicherung war nie lediglich ein Produkt unter vielen. Sie war von Beginn an als langfristiges Versprechen angelegt, als Vertrag, der Zeit braucht, Geduld voraussetzt und Vertrauen verlangt. Wer eine Lebensversicherung abschloss, tat dies in der Regel nicht aus taktischem Kalkül oder kurzfristigem Renditestreben, sondern aus dem Wunsch heraus, Verantwortung für die eigene Zukunft und die der Familie zu übernehmen. Die Bereitschaft, sich über Jahrzehnte zu binden, regelmäßig Beiträge zu zahlen und auf unmittelbare Verfügbarkeit zu verzichten, beruhte auf der Annahme, dass dieses Vertrauen erwidert wird. Nicht nur durch juristische Vertragserfüllung, sondern durch eine innere Haltung der Verlässlichkeit, die dem Produkt eingeschrieben war. Genau dieses Fundament beginnt zu erodieren, wenn Lebensversicherungsbestände heute primär als Bilanzpositionen behandelt und im Rahmen von Run-off-Verfahren weitergereicht werden.

Wenn Erstversicherer erklären, das klassische Lebensversicherungsgeschäft sei unter den heutigen Bedingungen nicht mehr attraktiv, klingt dies zunächst nach einer sachlichen Feststellung. Niedrige Zinsen, steigende regulatorische Anforderungen und hoher Kapitalbedarf werden als Gründe genannt. Doch diese Erklärung verschiebt den Blick. Denn sie suggeriert, das Geschäft selbst sei problematisch geworden. Tatsächlich ist Lebensversicherung eines der am besten kalkulierbaren Geschäftsmodelle überhaupt. Zinsrisiken, Langlebigkeit, Mortalität und Leistungsdauer sind keine unbekannten Größen, sondern seit Jahrzehnten Gegenstand präziser Modelle. Das Geschäft ist nicht gefährlich geworden, sondern unbequem. Es bindet Kapital über lange Zeiträume, erlaubt keine schnellen Erfolge und passt schlecht in eine Konzernlogik, die auf Flexibilität, Kennzahlen und kurzfristige Renditen ausgerichtet ist.

In dieser Logik erscheint es folgerichtig, wenn große Versicherungsgruppen wie GeneraliLebensversicherungsportfolios übertragen oder verkaufen. Für Kapitalmarkt und Konzernsteuerung mag das rational sein. Für Kunden ist es ein Einschnitt. Wer jahrzehntelang eingezahlt hat, erwartet, Teil des Kerngeschäfts zu bleiben , nicht eine Randposition, die man auslagert, sobald sie nicht mehr zur strategischen Erzählung passt. Das Vertrauen, das über lange Zeit aufgebaut wurde, wird nicht explizit gekündigt, aber implizit relativiert. Die unausgesprochene Botschaft lautet, dieses Geschäft ist für uns nicht mehr wichtig genug.

Besonders irritierend ist für viele Versicherte der offensichtliche Widerspruch, der sich daraus ergibt. Während Erstversicherer erklären, das Lebensversicherungsgeschäft lohne sich nicht mehr, treten spezialisierte Abwicklungsgesellschaften auf, die bereit sind, erhebliche Summen für genau diese Bestände zu zahlen. Unternehmen wie Viridium übernehmen Millionen von Verträgen und betrachten sie als wirtschaftlich tragfähige Grundlage ihres Geschäftsmodells. Für den Kunden entsteht daraus zwangsläufig die Frage, warum sein Vertrag für den ursprünglichen Anbieter zu wenig Ertrag verspricht, für einen anderen aber so wertvoll ist, dass er dafür Milliarden investiert. Diese Frage ist nicht Ausdruck von Misstrauen, sondern von logischem Denken und sie bleibt im öffentlichen Diskurs auffällig oft unbeantwortet.

Die Antwort liegt in einer grundlegenden Verschiebung der Perspektive. Ein Erstversicherer ist Teil eines Konzerns, der wachsen, sich am Kapitalmarkt behaupten und Kapital flexibel einsetzen muss. Ein Run-off-Anbieter hingegen lebt von der Ruhe. Er verkauft keine neuen Produkte, wirbt um niemanden und muss keine neuen Versprechen geben. Er verwaltet ausschließlich das, was bereits existiert. Effizienz, Skalierung und Kostenkontrolle treten an die Stelle von Beziehung und Vorsorgegedanken. Für den Kunden bedeutet das keinen Vertragsbruch im juristischen Sinne, wohl aber einen Bruch in der Wahrnehmung. Sein Vertrag wird erfüllt, aber nicht mehr getragen. Er ist Teil eines Systems, das korrekt funktioniert, ohne ihn noch als langfristigen Partner zu begreifen.

Diese Veränderung vollzieht sich selten abrupt, sondern schleichend. Garantien bleiben bestehen, Verträge laufen weiter, die Aufsicht bestätigt die Ordnungsmäßigkeit. Doch im Erleben vieler Kunden wächst die Distanz. Überschussbeteiligungen sinken oder stagnieren, Ansprechpartner wechseln, Entscheidungswege werden intransparenter. Was einst als gemeinsamer Weg gedacht war, fühlt sich zunehmend wie eine einseitige Verwaltung an. Die Effizienzgewinne, die durch Bündelung und Kostensenkung entstehen, bleiben für die Versicherten abstrakt. So entsteht ein Ungleichgewicht. Der Vertrag ist offenbar wertvoll genug, um gehandelt zu werden, aber nicht wertvoll genug, um dem Kunden eine spürbare Teilhabe zu sichern.

Hinzu kommt die Überforderung der Versicherten. Lebensversicherungen waren schon immer komplex. Mit Portfoliotransfers wird diese Komplexität für viele endgültig unüberschaubar. Informationsschreiben sind formal korrekt, beruhigend im Ton, aber oft arm an konkreter Bedeutung für die individuelle Altersvorsorge. Die zentrale Frage, was sich langfristig für mich ändert, bleibt häufig unbeantwortet. Diese kommunikative Leerstelle ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck eines Systems, das formale Korrektheit über Verständlichkeit stellt. Doch Vertrauen entsteht nicht durch juristische Präzision, sondern durch Nachvollziehbarkeit und ehrliche Einordnung.

Damit rückt ein moralisches Defizit in den Fokus, das hinter der technischen Korrektheit verborgen liegt. Lebensversicherung wurde als langfristige Beteiligung an Stabilität verkauft, nicht als Mindestleistung. Wenn wirtschaftliche Effizienzgewinne nahezu ausschließlich auf Unternehmensebene realisiert werden, während Kunden lediglich die formale Vertragserfüllung erleben, entsteht ein Ungleichgewicht, das mit dem ursprünglichen Versprechen kaum vereinbar ist. Der Vorwurf lautet nicht, dass Garantien gebrochen würden, sondern dass Verantwortung auf das rechtlich Notwendige verengt wird und genau darin liegt der Kern des Vertrauensverlustes.

Aus dieser Analyse folgt zwangsläufig eine politische Dimension. Gerade weil Run-off-Modelle innerhalb des geltenden Rechtsrahmens möglich sind, genügt es nicht, sich auf formale Aufsicht und Solvenzquoten zu beschränken. Aufsicht und Gesetzgeber stehen vor der Aufgabe, über Mindeststandards hinauszudenken. Es muss gefragt werden, wie Effizienzgewinne verteilt werden, wie transparent ihre Verwendung ist und wie verständlich Kunden über die tatsächlichen Auswirkungen eines Portfoliotransfers informiert werden. Transparenz darf nicht nur vollständig, sie muss verständlich sein. Reformen, die primär auf Kapitalentlastung und bilanzielle Flexibilität zielen, riskieren, das Vertrauen weiter auszuhöhlen, das für einen Neubeginn der Altersvorsorge unverzichtbar ist.

Gerade deshalb ist es entscheidend, den Blick nach vorn mit einer klaren Mahnung zu verbinden. Sollten die gegenwärtigen Reformen dazu führen, dass Altbestände noch konsequenter aus den Bilanzen der Erstversicherer herausgelöst werden, könnten sie unbeabsichtigt als Katalysator weiterer Run-off-Aktivitäten wirken. Ein solcher Entwicklungspfad würde nicht nur bestehende Vertrauensdefizite vertiefen, sondern den dringend notwendigen Neubeginn der privaten Altersvorsorge bereits im Ansatz untergraben. Reformen ohne klare Leitplanken für langfristige Verantwortung, echte Transparenz und den Schutz langjähriger Kunden laufen Gefahr, einen Vertrauensverlust zu verstetigen, der sich weder technisch noch politisch reparieren lässt.

Genau aus diesem Grund ist diese Anmerkung notwendig. Nicht um Run-off pauschal zu verurteilen, sondern um daran zu erinnern, dass Altersvorsorge mehr ist als Bilanzmanagement. Sie lebt von dem Glauben, dass langfristige Zusagen auch langfristig ernst gemeint sind. Wird dieses Vertrauen erneut geopfert, um kurzfristige Effekte zu erzielen, dann gefährdet dies nicht nur alte Bestände, sondern auch jede glaubwürdige Zukunft der Lebensversicherung.