Der jüngste Zinsanstieg bringt Bewegung in die Bilanzen der Lebensversicherer. Höhere stille Lasten treffen auf spürbar bessere Solvenzquoten. Für viele Anbieter eröffnen sich neue finanzielle Spielräume, unterstreicht Aleksander Rejman von der WTW Versicherungsberatung.
Der erneute Zinsanstieg im Jahr 2025 markiert für die deutschen Lebensversicherer einen weiteren Einschnitt. Die von EIOPA veröffentlichten risikofreien Zinskurven zeigen im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg der langfristigen Zinssätze um rund 50 bis 90 Basispunkte. Damit nähert sich die Zinsbewegung bereits dem im Solvency II definierten „1x-in-200-Jahren-Szenario“ für Zinsänderungen an und damit einem Extremereignis, das für Versicherer erhebliche bilanzielle Effekte hat.
Nach Jahren extrem niedriger Zinsen bis 2021 folgte 2022 eine abrupte Trendwende mit stark steigenden Renditen. Die Jahre 2023 und 2024 brachten eine Phase relativer Stabilität, teils sogar leichte Rückgänge. 2025 setzte nun erneut ein deutlicher Zinsanstieg ein, begleitet von leicht sinkenden Spreads und einer positiven Entwicklung an den Aktienmärkten. Diese Kombination wirkt sich ambivalent auf die Lebensversicherer aus.
Auf der einen Seite erhöhen höhere Zinssätze die Ertragsperspektiven für künftig erworbene Anleihen. Auf der anderen Seite sinken die Marktwerte der festverzinslichen Wertpapiere im Bestand. Bereits der außergewöhnliche Zinsanstieg 2022 hatte dazu geführt, dass die Marktwerte vieler Anleihen unter ihren Buchwerten lagen – sogenannte stille Lasten entstanden. Diese sollten sich im Zeitverlauf eigentlich abbauen, wenn auslaufende Anleihen durch höher verzinsliche Neuemissionen ersetzt werden. Der erneute Zinsanstieg im Jahr 2025 dürfte jedoch dazu beitragen, dass das Niveau dieser stillen Lasten vorerst hoch bleibt.
Gleichzeitig zeigen sich positive Effekte auf die Kapitalausstattung. Sensitivitätsanalysen in den Solvabilitäts- und Finanzlageberichten (SFCR) machen deutlich, dass sich die Solvency-Capital-Requirement-(SCR)-Bedeckungsquoten bei steigenden Zinsen typischerweise verbessern. Bei einem Anstieg der langfristigen Zinssätze um 50 bis 90 Basispunkte ist zum Jahresende 2025 im Durchschnitt mit einer Verbesserung der SCR-Bedeckungsquoten um etwa 15 bis 30 Prozentpunkte zu rechnen. Allerdings ist das Bild nicht einheitlich: Einzelne Versicherer könnten trotz des Zinsanstiegs eine niedrigere Quote ausweisen als noch Ende 2024. „Der Zinsanstieg ist auffällig. Bereits heute können wir erkennen, dass die Solvency-II-Bedeckungsquote eines markttypischen Lebensversicherers in der kommenden Berichtssaison deutlich ansteigen wird“, sagt Aleksander Rejman, Director bei der WTW Versicherungsberatung.
Der Haupttreiber der verbesserten Solvenz liegt in sinkenden Kapitalanforderungen. Höhere Zinssätze reduzieren den Barwert der Verpflichtungen und senken zugleich die Marktwerte der Anleihen, wodurch die Exponierung gegenüber Risiken wie Langlebigkeits-, Kosten- oder Spread-Risiken abnimmt. Auch das Zinsänderungsrisiko fällt geringer aus, da sich die Duration der Aktiva im Verhältnis zu den Passiva leicht verkürzt.
Nicht alle Risiken entwickeln sich jedoch eindeutig positiv. Hohe stille Lasten im Aktivportfolio können das Stornorisiko erhöhen, insbesondere das Risiko eines massenhaften Vertragsabbruchs. Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt stark vom jeweiligen Geschäftsmodell und der Bestandsstruktur des einzelnen Versicherers ab. Die Wechselwirkung zwischen sinkenden Kapitalanforderungen, möglichen Veränderungen im Stornorisiko und Effekten auf die Risikomarge bestimmt letztlich die Entwicklung der Solvency-II-Eigenmittel.
In der Gesamtschau fällt der Ausblick dennoch positiv aus. Aus Sicht der Kapitalanforderungen profitieren viele deutsche Lebensversicherer vom aktuellen Zinsumfeld. Die verbesserte Solvenz verschafft zahlreichen Gesellschaften neue Handlungsspielräume auch wenn die Herausforderungen durch stille Lasten und individuelle Risikoprofile bestehen bleiben.