Das deutsche Rentensystem steht an der Kante seiner historischen Tragfähigkeit. Politik, Versicherungen und Banken beschwichtigen, doch die strukturellen Voraussetzungen, auf denen das System ruht, sind längst verschwunden. Warum kleine Reformen wirkungslos bleiben und warum ein radikaler Neubeginn die einzige realistische Option ist, erklärt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.
Ein System, das an alten Voraussetzungen festhält
Das deutsche Rentensystem steht an einem historischen Wendepunkt, den Politik und Öffentlichkeit noch immer nicht mit der notwendigen Klarheit benennen. Während in offiziellen Mitteilungen von „Stabilisierung“, „Nachjustierung“ und „verlässlichen Renten“ die Rede ist, haben sich die Grundlagen des Systems längst so stark verschoben, dass jede weitere Beschwichtigungsformel mehr verschleiert als erklärt. Das geltende Rentengesetz verwaltet die Gegenwart, es gestaltet nicht die Zukunft. Die strukturellen Bedingungen kippen bereits, doch das System simuliert Stabilität. Der demografische Wandel ist nur das sichtbarste Beispiel; die wirklichen Bruchlinien liegen tiefer: in der Wertschöpfung, in der Technologie, in der gesellschaftlichen Verteilung von Arbeit und Verantwortung.
Politische Mutlosigkeit als strukturelles Risiko
Die Politik bewegt sich in einem Kreislauf aus Vermeidung und Beschwichtigung. Unangenehme Wahrheiten werden verschoben, Reformnotwendigkeiten relativiert, drängende Probleme delegiert. Die Mutlosigkeit ist nicht Folge mangelnden Wissens, sondern mangelnder Risikobereitschaft. Doch ein Rentensystem, das mathematisch instabil wird, braucht strukturelle Antworten, keine rhetorischen Beruhigungen. Die politische Weigerung, grundlegende Entscheidungen zu treffen, ist eines der größten Risiken für die Zukunftsfähigkeit des Systems.
Das stille Versagen der Sicherheitsindustrie
Versicherungen und Banken treten seit Jahrzehnten als ergänzende Sicherheitsgaranten auf. Sie bewarben private Vorsorge als notwendige Ergänzung zur gesetzlichen Rente, doch was entstand, ist ein Markt, nicht ein Schutzsystem. Zu komplizierte Produkte, zu hohe Kosten, zu geringe Renditen, zu starke Profitlogik. Viele Vorsorgeinstrumente stabilisieren nicht, sondern verunsichern. Die Institutionen, die Sicherheit erzeugen sollten, haben Produkte geschaffen, die oft nur den Anbietern nützen. Ein Altersvorsorgesystem, das auf solchen Strukturen aufbaut, trägt keine gesellschaftliche Verantwortung, es trägt nur Geschäftsmodelle.
Wirtschaft im Wandel, Rente ohne Basis
Parallel dazu verschiebt sich die wirtschaftliche Realität. Deutschland verliert industrielle Wertschöpfung, während Bürokratie, Energiepreise und globale Konkurrenz die Wettbewerbsfähigkeit schmälern. Digitale Arbeitsformen und künstliche Intelligenz verändern die Erwerbsbiografien grundlegend. Wert entsteht zunehmend durch Kapital, Software und Automatisierung, nicht durch menschliche Arbeit. Doch nur Arbeit finanziert die Rente. Ein System, das auf einer schrumpfenden Grundlage ruht, aber eine wachsende Leistung erbringen soll, kann nicht stabil bleiben.
Die psychologische Erosion des Vertrauens
Rentner verlangen berechtigte Stabilität. Die mittlere Generation zweifelt an der eigenen Versorgung. Die junge Generation glaubt gar nicht mehr an die Rente. Damit wird die Rentenpolitik zur Vertrauensfrage. Systeme brechen selten finanziell zuerst zusammen, sie brechen psychologisch. Wenn ein System nicht mehr als gerecht empfunden wird, verliert es Legitimität, lange bevor es bilanziell scheitert.
Warum Reformen nicht mehr reichen
Kleine Reformen können das System nicht retten. Sie verschieben Lasten in die Zukunft oder verteilen sie nur anders, ohne die Grundprobleme zu lösen. Längere Lebensarbeitszeiten, höhere Beiträge, höhere Steuermittel: Alles sind Maßnahmen, die Zeit kaufen, aber keine Zukunft schaffen. Die Voraussetzungen, auf denen das System aufgebaut wurde, lineare Erwerbsverläufe, Vollbeschäftigung, stabile Industrie, Wachstum, existieren so nicht mehr. Reformen, die auf diese Vergangenheit reagieren, können in der Gegenwart nichts mehr stabilisieren.
Die fünf Elemente eines neuen Rentensystems
Eine tragfähige Neuordnung müsste fünf klare Schritte gehen:
- Erstens: eine staatliche Basisrente, die automatisch ein existenzsicherndes Niveau garantiert.
- Zweitens: die Integration aller Erwerbstätigen in ein einheitliches System – ohne Ausnahmen.
- Drittens: eine Finanzierung über alle Wertschöpfungsformen: Arbeit, Kapital, Automatisierung.
- Viertens: ein digitales Punktesystem mit Echtzeittransparenz und planbaren Parametern.
- Fünftens: flexible Übergänge, die Berufe, Biografien und Gesundheit realistisch abbilden.
Diese fünf Elemente ergeben keinen Reformkatalog, sondern eine vollständige Neuarchitektur.
Ein Neubeginn statt ein Weiter-so
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob der Umbau kommt, er wird kommen müssen. Die Frage ist, ob er gestaltet wird oder erst dann erfolgt, wenn der Druck unerträglich wird. Die Politik scheut den Schnitt, Versicherungen und Banken scheuen den Verlust alter Geschäftsmodelle, viele Bürger scheuen den Abschied von Vertrautem. Doch ein Weiter-so ist keine Option mehr. Systeme, die nicht mehr zur Realität passen, erodieren , langsam, dann plötzlich.
Schlussnote:“ Der gefährlichste Irrtum ist Stabilität“
Wenn ein System sich weigert, sich zu erneuern, verliert es nicht durch einen großen Knall seine Wirksamkeit, sondern durch einen schleichenden Vertrauensverlust. Genau dort steht die deutsche Rentenpolitik heute. Nicht der Mut zur Veränderung ist riskant das Festhalten an der Illusion der Stabilität ist es. Ein neuer Sozialvertrag wird entstehen müssen. Wir können ihn gestalten oder ihn erleiden. Doch der eigentliche Irrtum ist zu glauben, dass der Status quo noch lange trägt.