Künstliche Intelligenz verschiebt das Feld zusätzlich. Sie ist längst nicht mehr bloß Assistenz, sondern Teil der Entscheidung. Kreditvergabe, Personalauswahl, Tarifierung, Content-Produktion – überall entstehen algorithmische Gatekeeper. Die Haftungsfrage rückt näher: Wer trägt den Schaden, wenn Modelle diskriminieren oder in neuen Datenwelten versagen? E&O-ähnliche Deckungen für algorithmische Fehlleistungen, Produkt- und Produzentenhaftung für Softwarebausteine, Regressketten über mehrstufige Lieferanten – all das gehört künftig in die Standardwerkstatt von Zeichnung und Schaden. Der größere Punkt liegt tiefer: Ethik wird zur Bedingung für Lizenz und Versicherbarkeit. Mikrosegmentierung mag aktuarisch elegant sein, gesellschaftlich kann sie die Basis von Solidarität zersetzen. Fairness-by-Design, erklärbare Modelle, externe Audits, sparsame Datennutzung und echte Opt-outs sind keine Compliance-Zierde, sondern Vertrauenswährung. In einer absehbaren Welt künftiger Sammelklagen gegen „algorithmische Diskriminierung“ spart robuste Governance nicht Image, sondern harte Kosten.
Die sektoralen Umbrüche zeigen, wie konkret diese Linien werden. In der Industrie 4.0 verschieben sich Schäden an die Schnittstellen: Sensorfehler erzeugen Produktionsstillstände über Kontinente, digitale Zwillinge beschleunigen Reklamationen, weil Abweichungen messbar werden. Bei Handel und Konsum erhöht Plattformabhängigkeit das Konzentrationsrisiko; ein Ausfall im Ökosystem verursacht binnen Stunden Vermögensschäden. Im Finanzwesen fragmentieren sich Märkte zwischen FinTechs, DeFi und KI-basierter Beratung; Haftungsdichte, Datenschutz und Cyber-Resilienz werden zum Dreiklang. Das Gesundheitswesen digitalisiert Versorgung: Telemedizin verkürzt Wege, erhöht aber Professional-Liability-Risiken und verschiebt Datenschutz in sensible Zonen. Landwirtschaft und Energie werden zur Systemfrage: Dürren, Netzausfälle, Wasserstoffinfrastrukturen koppeln physische und digitale Risiken untrennbar. Die logische Antwort liegt in Produkten, die Kaskadenschäden antizipieren und Streit über Kausalität abkürzen: parametrische Trigger für Cloud- und Lieferkettenereignisse, kombinierte Sach-/Cyber-/CBI-Lösungen mit eindeutigem Vorrangregime, modulare Haftungsbausteine für Software-Komponenten.
Krisen sind der Stresstest für all das. Die Pandemie hat in Wochen vollzogen, was zuvor Jahre gebraucht hätte: Remote Work, digitale Kollaboration, neue Kundenschnittstellen. Sie hat gezeigt, dass Transformation selten an Technik scheitert, sondern an Gewohnheit. Die Klimakrise zwingt zu Reallokation: weg von kurzfristiger Exposition, hin zu Anpassung und resilienter Infrastruktur. Geopolitische Verschiebungen entwerten Lieferkettenmodelle über Nacht. Die Branche hat in solchen Phasen zwei Wege: ausschließen – oder reparieren. Ausschlüsse sparen kurzfristig und zerstören langfristig das Mandat. Reparieren heißt: ehrlich bepreisen, präventiv investieren, international koordinieren, klar kommunizieren. Resilienz entsteht nicht, weil ein System keine Krisen kennt, sondern weil es sie verkraftet – technisch, finanziell, kulturell.
Arbeit ist global, und damit sind es Risiken. Lieferketten laufen über Zeitzonen, Teams arbeiten transnational, Regulierungen prallen aufeinander. Portable Benefits, die an Personen statt an Arbeitgeber gebunden sind, werden zum Nadelöhr sozialer Sicherheit: Gesundheit, BU, Altersvorsorge müssen wanderfähig sein, ohne in Rechtslücken zu fallen. Für Versicherer heißt das, international harmonisierte, aber lokal sensible Lösungen zu bauen und Lieferketten-Deckungen zu gestalten, die ESG- und Arbeitsstandardrisiken nicht als Randthema abtun, sondern in die Preis- und Vertragslogik integrieren. Vertrauen über Grenzen entsteht nicht durch Slogans, sondern durch verlässliche Bedingungen und zügige Regulierung – gerade dann, wenn verschiedene Rechtskulturen im Spiel sind.