Altersarmut nicht Hauptmotiv für Arbeit im Rentenalter

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Wenn Rentner eine Arbeit aufnehmen - tun sie dies aufgrund ökonomischer Zwänge? Ein Resultat der Rentenreform von 2001/2002 ist die schrittweise Absenkung des Rentenniveaus. Gegenwärtig wird darum häufig die These kolportiert, finanzielle Zwänge und Altersarmut seien der Grund für eine fortgesetzte Erwerbstätigkeit im Rentenalter. Doch dieser Zusammenhang lässt sich laut einer Studie der Universität Bayreuth nicht belegen.

Geringe Einkommen und Vermögen sind nicht die treibenden Motive für verlängerte Erwerbstätigkeit. Das ergibt die Auswertung einer Studie zur Erwerbstätigkeit im Ruhestand durch das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA). Außerdem überrascht die Studie mit dem Fakt, dass Personen mit geringer Rente sich nicht stärker am Arbeitsmarkt engagieren als andere. Einen hohen Anteil der Beschäftigten in der Rente bilden demnach Selbstständige, mithelfende Familienangehörige und Freiberufler.

Unzureichendes Einkommen nicht stärkstes Motiv für Arbeit im Alter

Unzureichendes Einkommen aus Rentenbezügen und anderen Quellen sowie ein geringes Vermögen können nicht als dringendste Beweggründe eingestuft werden, welche Menschen im Rentenalter veranlassen, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In der Gruppe der erwerbstätigen Rentner machen nämlich Personen mit einem Haushaltsnettovermögen von mehr als 250.000 Euro den größten Anteil aus. Menschen mit höherem Einkommen sind also vermehrt in der Gruppe der erwerbstätigen Rentner zu finden.

Das sind einige der zentralen Ergebnisse der Studie „Arbeiten trotz Rente – Warum bleiben Menschen im Ruhestand erwerbstätig?“, die Christian Pfarr und Christian Maier von der Universität Bayreuth im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) erstellt haben. Grundlage ihrer Auswertung waren die Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Viele der erwerbstätigen Rentner sind Akademiker

Angesichts der öffentlich sehr kontrovers geführten Diskussion über die Frage, warum Menschen im Rentenalter weiterhin arbeiten, untersuchten die Autoren die Motive und Einflussfaktoren für eine solche verlängerte Erwerbstätigkeit.

Es ist demnach so, dass Personen mit einer sehr geringen Rente, also all jene, die von Altersarmut am ehesten betroffen sind, sich nicht stärker am Arbeitsmarkt engagieren als Menschen mit einem höheren Renteneinkommen. Die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit ist also ganz unabhängig von der Rentenhöhe überall gleich groß. Eindeutige Zusammenhänge zwischen Bildungsgrad und Arbeit im Alter lassen sich ebenfalls nicht aufzeigen.

So stellt sich die Erwerbsbeteiligung der Rentner mit Abitur beziehungsweise mit einem Universitätsabschluss, im Vergleich zu anderen Abschlüssen, als relativ hoch heraus. Dies trifft vor allem zu, wenn man den geringen Anteil der Menschen mit einem solchen Abschluss berücksichtigt. Jedoch ist der Anteil der Menschen mit Abitur beziehungsweise Hochschulabschluss in der Gruppe der Erwerbstätigen, verglichen mit dem Anteil unter den nicht-erwerbstätigen Personen, signifikant höher.

Lange Phasen der Arbeitslosigkeit starkes Motiv für Zuverdienst im Rentenalter

Der Anteil der Menschen, die während ihres Erwerbslebens Perioden langfristiger Arbeitslosigkeit (das ist ein Jahr oder länger) erlebt haben, ist in der Gruppe der erwerbstätigen Männer und Frauen höher als bei jenen, die sich in kurzfristiger Erwerbslosigkeit befanden. Weiterhin ausschlaggebend für Altersarbeit ist das Alter des Berufseintritts.

Für Männer zeigt sich der Zusammenhang wie folgt: je früher der Einstieg in das Berufsleben geschah, umso größer wird bei ihnen die Tendenz, im Rentenalter nicht mehr zu arbeiten. Somit arbeiten männliche Rentner umso häufiger, je später ihr Berufseinstieg stattfand.

Bei den Frauen gibt es einen solch klaren Zusammenhang nicht. Den größten Anteil unter den erwerbstätigen Frauen bilden jene, die zwischen 15 und 18 Jahren das erste Mal berufstätig waren.

Mehrstufige, ökonometrische Analyse

Neben der deskriptiven Auswertung leistete die Studie eine mehrstufige, ökonometrische Analyse, um die Wahrscheinlichkeiten zu ermitteln, mit der einzelne Faktoren eine Erwerbstätigkeit im Rentenalter beeinflussen. Dadurch wurde sichtbar, dass vor allem Männer, Westdeutsche und Personen mit einer früheren Teilzeitanstellung im Ruhestand erwerbstätig sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen nach ihrem Renteneintritt weiterhin erwerbstätig bleiben, ist niedriger als bei Männern. Auch ist in den neuen Bundesländern eine Weiterbeschäftigung im Rentenalter seltener als in den alten Ländern. Wenn eine Person in einer festen Partnerschaft lebt, so wird das Alter des Partners für die Aufnahme einer Tätigkeit im Ruhestand relevant: Denn die Tendenz, als Rentner weiterhin erwerbstätig zu sein, sinkt mit dem Alter des Partners.

Auch verwitwete Personen arbeiten seltener. Und je größer das Einkommen und/oder Vermögen eines Rentners ist, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit nach Rentenbeginn. Es gibt unterschiedliche starke Einflussfaktoren für die Aufnahme einer Tätigkeit im Rentenalter:

Soziodemografische Faktoren relevant

So beeinflussen vor allem so genannte soziodemografische Faktoren, wie das Geschlecht und Alter, sowie berufsspezifische Faktoren, wie die Branchenzugehörigkeit, eine Erwerbstätigkeit im Alter. Einen weniger maßgeblichen, aber doch signifikanten Einfluss haben auf die Arbeit im Rentenalter der Familienstand und der Wohnort (Ost- oder Westdeutschland) sowie außerdem die Tatsache, ob jemand mit einer hilfsbedürftigen Person in einem Haushalt lebt oder nicht.

Unter den arbeitenden Senioren befindet sich wie oben beschrieben ein hoher Anteil an Selbstständigen, mithelfenden Familienangehörige und Freiberuflern. In der Erwerbsform „Selbständigkeit“ findet sich dabei der größte Anteil an Personen, die trotz Bezugs einer gesetzlichen Rente weiterhin einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Bei mitarbeitenden Familienangehörigen und bei abhängig Beschäftigten sind dagegen die Modelle der geringfügigen Beschäftigung, gefolgt von Teilzeitbeschäftigung, dominierend.

Die Studie stellt außerdem heraus, dass viele Rentner aufgrund "psychologischer Barrieren" im Alter weiterhin der Arbeit nachgingen. Nämlich weil sie Hemmungen hätten, das Ersparte anzutasten - das zur Seite gelegte Geld wollten sie den Nachkommen überlassen und nicht selbst aufbrauchen.

Kurzes Aufatmen

Die Ergebnisse der Studie lassen aufatmen. Jedoch nur kurz. Denn die angebliche Zusammenhangslosigkeit zwischen Altersarmut und Erwerbstätigkeit im Rentenalter wurde mit der Studie nur temporär widerlegt.

Die Autoren der Studie selbst geben zu bedenken, dass das sinkende Rentenniveau in Kombination mit vermehrt lückenhaften Erwerbsbiografien sowie die Zunahme von Beschäftigungsverhältnissen im Niedriglohnsektor das bisher harmlose Gesicht der Erwerbstätigkeit im Alter künftig verändern könnten. Der Faktor Armut würde dann viel stärker als Motiv für Altersarbeit in den Vordergrund treten als bisher.

Quelle: Presseinfo Deutsches Institut für Altersvorsorge