Die EU will den Versicherern strengere Kapitalvorschriften auferlegen und die Versicherungsaufsicht EU-weit vereinheitlichen. Doch bei dem unter „Solvency II“ bekannten Reformvorhaben gibt es möglicherweise einen Aufschub. Wie Reuters berichtet, schlug die EU-Kommission um den zuständigen Kommissar Michel Barnier eine Verschiebung der Einführung um ein Jahr vor. Scharfgeschaltet werden sollen die neuen Vorschriften am 01. Januar 2015.

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Das Hauptargument für eine Verschiebung ist das Fehlen von Praxistests für die neueste Solvency-Version. Welche Auswirkungen die neuen Vorschriften haben, ist vor allem bei langfristigen Verbindlichkeiten der Versicherer ungeklärt, etwa bei den Garantiezusagen gegenüber den Kunden in der Lebens- und Krankenversicherung. Schon kleine Änderungen der Zinsen können hier dazu führen, dass die geforderte Kapitalunterlegung unter Solvency II enorm schwankt. Innerhalb von wenigen Tagen kann selbst ein gut ausgestattetes Unternehmen in die Pleite rutschen. Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa soll nun bis März 2013 eine Auswirkungsstudie in den EU-Mitgliedsländern realisieren.

Die Versicherungen reagierten überwiegend positiv auf die Verschiebung von Solvency II. Es seien noch wichtige Fragen offen, die in der gewonnenen Zeit geklärt werden könnten, zitiert das Handelsblatt die deutschen Versicherungskonzerne Allianz und Talanx. Auch Burkhard Balz, CDU-Abgeordneter im Europaparlament und Berichterstatter zu Solvency II, begrüßte die Verschiebung.

Ziel ist Solvency II-Projektes ist es, dass die Branche ausreichend Kapital für Versicherungsrisiken und Investmentgeschäfte zurückhält, vor allem die Eigenmittelausstattung soll gestärkt werden. Eine detailliertere Auskunftspflicht soll zudem die bisher geltenden pauschalen Berechnungen ersetzen. Europäische Versicherungsunternehmen wie Axa oder Munich Re zählen zu den größten und einflussreichsten Finanzdienstleistern der Welt.

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Ob Versicherungen ein systemisches Risiko im Sinne von „too big to fail“ darstellen, ist jedoch umstritten. Die amerikanische Versicherung AIG musste infolge der Finanzkrise mit Steuergeldern in Höhe von 183 Milliarden Dollar gerettet werden. Der Versicherungsriese brachte sich aber mit hochspekulativen Bankgeschäften in eine Schieflage, die nicht zum Kerngeschäft einer Versicherung gehören. Europäische Versicherungen waren weitaus weniger von den Turbulenzen betroffen.