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Markt | 13.09.2011
Politik  

Zuschussrente - Riester wird Zwangsjacke

Zuschussrente - Riester wird Zwangsjacke
Foto: Mirko Wenig

Ursula von der Leyen stellte letzte Woche ihre Reformpläne für die Zuschussrente vor. Wer ein Leben lang gearbeitet und wenig verdient hat, soll zukünftig belohnt werden und seine Altersbezüge auf 850 Euro aufgestockt bekommen. Die Assekuranz kann sich freuen: Die Pläne des Bundesministeriums sehen vor, dass nur Pensionäre mit einem 35 Jahre laufenden Riestervertrag Anspruch auf die Zuschussrente haben.


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Wer hätte gedacht, dass Ursula von der Leyen ein Herz für den Versicherungsvertrieb hat? Da lädt sie am Mittwoch extra die Presse nach Berlin, behauptet die Altersarmut zu bekämpfen, ruft auch einen „Regierungsdialog Rente“ ins Leben, der alle -wirklich alle!- Interessengruppen an einem Tisch versammeln soll: Gewerkschaften, Sozialverbände, auch Arbeitgeber und Rentnerverbände, um primär ein Ziel zu verfolgen: dem Versicherungsvertrieb ein zusätzliches Verkaufsargument für Riesterverträge zu liefern! Klingt unglaublich? Ist es aber nicht!

Als die Bundessozialministerin am letzten Mittwoch ihr Konzept einer Zuschussrente präsentierte, da entpuppte sich diese Wohltat für viele Rentner als uneinnehmbare Festung. Drei Bedingungen müssen die wackeren Pensionäre ab dem Jahr 2023 erfüllen, damit ihnen die Altersbezüge auf 850 Euro aufgestockt werden: Sie müssen mindestens 45 Jahre lang Mitglied in der gesetzlichen Rentenversicherung gewesen sein. Sie müssen 35 Jahre aktiv Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt haben. Und sie müssen seit 35 Jahren einen Riestervertrag besitzen. Die Riesterpolice ist quasi die Eintrittskarte, um am Glücksspiel des sorgenlosen Rentenlebens teilnehmen zu dürfen.

45 Mitgliedsjahre in der Rentenversicherung: Wer bietet mit?

Das Heimtückische aber ist: Trotz der Erleichterungen - unter anderem werden Arbeitslosigkeit und Mutterschutz als Versicherungsjahre angerechnet - könnten für viele Arbeitnehmer 45 Jahre Mitgliedschaft in der Rentenversicherung eine zu hohe Hürde sein. Denn die zunehmende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zwingt die Menschen dazu, Brüche in ihrem Erwerbsleben einzuplanen.

Hier sei auf ein Phänomen verwiesen, das in der Soziologie als „Jobnomadentum“ diskutiert wird. Je mehr die „atypischen“ Beschäftigungsformen zunehmen, je mehr die Wirtschaft auf Leiharbeit, Teilzeitarbeit und befristete Beschäftigung setzt, desto mehr werden Lücken in der Erwerbsbiographie zum Normalfall. Jobnomaden springen von einem Job zum nächsten, arbeiten mal hier und mal dort, für diesen und für jenen Auftraggeber. Wie die Tuareg ihre Weideflächen, so wechseln die modernen Tagelöhner ihren Arbeitsplatz: gearbeitet wird dort, wo gerade Bedarf da ist. In Deutschland stieg die Zahl atypischer Beschäftigung allein zwischen 1998 und 2008 um 46,2 Prozent.

In manchen Branchen müssen sogar gut ausgebildete Arbeitskräfte längere Phasen der Erwerbslosigkeit einplanen. Und in vielen Erwerbsbiographien wechseln sich Perioden von selbstständiger und nichtselbstständiger Arbeit ab. Wer keine Festanstellung findet, der wird eben sein eigener Unternehmer – besser, als in die Arbeitslosigkeit abzurutschen. Hierbei könnte sich die fehlende Unterstützung für Freiberufler als Achillesverse entpuppen. Für Selbstständige ist nach den jetzigen Plänen der Bundesregierung keine Rentenaufstockung vorgesehen, obwohl gerade Kleinunternehmer von der Altersarmut bedroht sind.

So ist jenes Szenario zu befürchten, das von Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) prophezeit wird: Viele Pensionäre erfüllen nicht die Bedingungen, um von der Zuschussrente zu profitieren. „Wenn wir hier zu kurz springen mit der Mindestrente und zu hohe Hürden aufbauen, dann müssen es letztlich unsere Kinder dann wieder über die Steuern regulieren“, kritisierte Haderthauer im Deutschlandradio Kultur. Denn die vorgesehenen 45 Jahre Mitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung „finden wir heute in den wenigsten Erwerbsbiografien als durchgängige Vollzeiterwerbstätigkeit.“

Riester: nun auch Geringverdiener als Zielgruppe!

Was bleibt also von Ursula von der Leyens Konzept einer Zuschussrente – für jene, die nicht davon profitieren? Hier sei an die Ausgangsthese erinnert: Ursula von der Leyen hat ein Herz für den Versicherungsvertrieb. Es bleibt vor allem die Forderung an Geringverdiener, privat für den Lebensabend vorzusorgen!

Für Billiglöhner lohnt sich das Riestern bisher kaum, da alle Einkünfte mit der Grundsicherung im Alter verrechnet werden. Paradox: Wer trotz 35 Jahren Riestersparens nur 700 Euro Rente erhält, der hat genauso viel oder wenig Geld in der Tasche wie jemand, der nicht privat vorsorgte. Dumm wäre also bisher gewesen, wer als Niedriglöhner einen Riestervertrag abgeschlossen hat. Das wird sich zukünftig ändern, denn der Vertrieb hat ein neues Verkaufsargument: „Ohne Riester – keine Zuschussrente!“

Zwar argumentiert Ursula von der Leyen, Riestern sei schon ab einem Monatsbetrag von 5 Euro möglich und bedeute keine übermäßige Belastung für Geringverdiener. Brisant ist jedoch am Konzept der Sozialministerin, dass jeder Arbeitnehmer mit einem sozialversicherungspflichtigen Einkommen mindestens drei Prozent seines Verdienstes als Riesterbeitrag entrichten soll, um von der Zuschussrente profitieren zu können – ganz gleich, ob er Vollzeit oder Teilzeit arbeitet. So sollen auch jene Erwerbstätigen drei Prozent ihres Lohnes in einen Riestervertrag stecken, die sowieso nicht genug zum Leben haben: etwa Beschäftigte mit einem Bruttolohn von 800 Euro, die trotz ihres Lohnes auf Wohngeld und Hartz IV-Zahlungen angewiesen sind.

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Wollen sozialversicherungspflichtige Geringverdiener am Glücksspiel „Zuschussrente“ teilnehmen, müssen sie zukünftig mit Mehrausgaben rechnen. Für diese Menschen bedeuten Ursula von der Leyens Pläne eine privatwirtschaftlich organisierte Erhöhung des Rentenbeitrages.

Weitere Nachrichten zu den Themen: Markt  Zuschussrente  Altersvorsorge  Riester-Rente  Ursula von der Leyen  Kommentar 
Autor: Mirko Wenig

Kommentare (11)
23.12.2011 08:42:13

Nur so nebenbei. Ich habe von der ersten Info-Veranstaltung 2001 an gesagt, dass das "Riesterprodukt" unter dem Aspekt:"Ziel verfehlt" einzustufen ist. Bis heute besitze ich keinen einzigen Vertrag in meinem Bestand.
Im August letzten Jahres war Herr Blüm Gast im HR1 und mußte wie nicht anders zu erwarten Stellung beziehen, zu seiner in den 80gern gemachten Aussage:"Die Rente ist sicher".
Danach ließ sich Herr Blüm, nach langen intensiven Bemühungen von Seiten des Moderators, doch seine Meinung zur Riesterrente kund zu tun, dazu hinreisen folgendes zu sagen: In meinen Augen ist die Riesterrente Betrug am Bürger" !!!!
Mehr habe ich dazu nicht zu sagen und schließe mich kommentarlos dieser Meinung an.
Was unsere adlige Vollblutpolitikerin da losläßt ist nur die konsequente Fortführung einer völlig verfehlten Sozial- und Rentenpolitik.

20.09.2011 09:38:40

@wauwau: Für die Zuschussrente sind nach den jetzigen Plänen Übergangsfristen mit erleichterten Zugangsbedingungen vorgesehen. So reichen bis zum Jahr 2017 fünf Jahre Riestervertrag, um die Rente in Anspruch zu nehmen. Ab dem Jahr 2018 steigt die geforderte Riester-Dauer jedes Jahr um jeweils ein Jahr an, bis sie dann letztendlich 35 Jahre erreicht hat. Laut einem Beitrag von MDR Info sind aber bereits die zunächst geforderten 5 Jahre für viele jetzige Rentner eine zu hohe Hürde: wer von Armut bedroht ist und kurz vor seiner Pensionierung steht, der hat in der Regel keinen Riestervertrag.

20.09.2011 07:35:20

"Drei Bedingungen müssen die wackeren Pensionäre ab dem Jahr
2023 erfüllen": "(...) Sie müssen seit 35 Jahren einen Riestervertrag
besitzen."

Seit wann gibt es die Riester-Rente? Rechnerisch müsste ein
Rentner, der im Jahr 2023 in den Aufstockungs-Genuss kommen
will, mehr als 10 Jahre, bevor es überhaupt die Riester-Rente gab,
für diese Beiträge gezahlt haben... Hat das noch keiner bemerkt,
oder habe ich mich irgendwo verrechnet?

19.09.2011 11:59:24

Es gibt auch im "versicherungsnahen" Bereich viele Kollegen/Makler von mir, die das Thema Riester sehr skeptisch sehen und auf die Frage "Macht riestern Sinn?" dem Kunden antworten "kommt auf die individuelle Situation drauf an". Und bei dem Argument von Frau von der L. "kostet nur 5 €" kommt einem sowieso das kalte Grausen. Ich glaub, die hat das nicht verstanden, dass bei geringem Einsatz das Ergebnis gegen 0 geht. Sollten die Pläne so umgesetzt werden, werde ich grade im Niedriglohnbereich wohl jedem Riester verkaufen müssen.

18.09.2011 09:48:17

Sehr guter Artikel!
Die menschenfeindliche und verlogene Politik v.d. Leyens wird immer unerträglicher.

17.09.2011 16:34:14

hochachtung!! hier hätte ich einen kritischen artikel über die letzten perfiden pläne des leydenmonsters zur ausplünderung der arbeitnehmer nicht erwartet.
eine gute und korrekte information--

17.09.2011 05:37:57

Grandioser Artikel der die pervertierten Konzepte die von v. d. Leyen und Co. vom Konzept einer Sozialversicherung haben aufzeigen: garantierte Altersarmut für die meisten, eben gerade das, was durch die Sozialversicherung verhindert werden sollte – also geistig-moralisch ein Rückschritt in vor-bismarcksche Gefielde.

16.09.2011 21:17:38

Bin ebenfalls über die Nachdenkseiten hier gelandet und bin schon beeindruckt über diese intelligente Zusammenfassung der Thematik und die hier nicht unbedingt zu erwartende Kritik an der menschenverachtenden Politik in unserem Land.

Grüße
Stefan

16.09.2011 19:28:48

Bin ebenfalls über nachdenkseiten.de - http://www.nachdenkseiten.de/?p=10747#more-10747 - auf diesen Artikel gestoßen. Fairer, interessanter und aufschlussreicher Artikel. Und so etwas in diesem Umfeld. Chapeau! Es ist bezeichnend, dass solche Artikel in den bekannten "kritischen" Print- und Onlinemedien kaum noch zu finden sind...

16.09.2011 18:16:34

Genau wie Burger am 16.09.2011 geschrieben hat: Danke, dass auch für versicherungsnahen Seiten kritische Artikel geschrieben und veröffentlicht werden. (bin ebenfalls über die Nachdenkseiten drauf gestoßen)

16.09.2011 17:14:10

Über den Umweg Nachdenkseiten auf diesen interessanten Artikel gestoßen. Ein wie ich finde ziemlich objektiver Artikel (ich ja bin nur interessierter Laie). Und das in einem Fachblatt für Versicherungen. Finde ich gut.

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