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27.01.2016

ProduktinnovationVersicherung für den Atom-GAU

Kernkraftwerk in Frankreich. Sollte es hier zum GAU kommen, bietet ein österreichischer Versicherer Schutz für Privatpersonen - vorerst nur auf dem heimischen Markt. ResoneTIC

Atomarer Super-GAU: mit dem Irrsinn wachsen die Produkte, die auf den Irrsinn reagieren. Nun gibt es in Österreich eine Versicherung gegen die Schäden von schwersten Atomkatastrophen. Dass solche Schäden von vornherein tunlichst vermieden werden sollten, liegt in der Verantwortung der Betreiber von Atomkraftwerken. Der Fokus sollte auf Prävention und nicht auf nachträglicher und privat finanzierter Schadensregulierung liegen, argumentieren die Kritiker.

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In dem Land, in dem nun die erste Versicherung gegen atomare Katastrophen zu kaufen ist, gibt es gar keine Reaktoren. In den Anrainerstaaten jedoch umso mehr. Insgesamt sind es 21 Reaktoren von deren Störfällen die Bürger in Österreich unmittelbar betroffen wären, wenn es zu Zwischenfällen käme. Mit einer Atom-Versicherung von dem Unternehmen L'Amie können beunruhigte Österreicher nun vorbeugen.

Erste private Sachversicherung für den AtomGAU

Wenn sich in den umliegenden Reaktoren ein Super-Gau ereignet, "so zahlen wir unbürokratisch, ohne weitere Gutachten", sagte Geschäftsführer Cristian Pedak gegenüber der Deutschen Welle. Hoffen kann man, dass dem Versicherten nach dem GAU noch die Schadensmeldung ausfüllen oder wenigstens das Telefon bedienen kann, um von der Versicherung, deren Mitarbeiter trotz Unfall hoffentlich noch ebenso fidel sind, die unbürokratische Hilfe zu erbitten. So die internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) das Ausmaß des Unfalls im Kraftwerk in der höchsten Kategorie 7 einordnet, kann der Versicherte eine Summe von bis zu 100.000 Euro erwarten. Die Katastrophe muss also ähnlich zerstörerisch ausfallen wie beim Reaktorunglück in Tschernobyl 1986, mit schweren Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Alle anderen Reaktorunfälle bis zur Kategorie sechs werden durch den Versicherer nicht abgedeckt. Der finanzielle Aufwand für diese erste private Atom-Versicherung weltweit beträgt 610 Euro jährlich, sofern man in Wien lebt.

"Mir hat Fukushima gezeigt, was passieren kann und dass man als Betroffener überhaupt nichts bekommt", so wird Sabine Gruber in der DW zitiert. Die Frau hat zwei kleinen Kinder und lebt bei Linz in Oberösterreich. Von ihrem Wohnort bis zu den tschechischen Reaktoren in Temelin sind es 120 Kilometer. Sie hat sich für diese Versicherung entschieden und bekommt im Ernstfall 25.000 Euro ausgezahlt. "Dann habe ich wenigstens etwas Geld und habe die Möglichkeiten zu reagieren. Ohne Versicherung fehlt mir diese Möglichkeit." Zwar sind die Zahlen der bisherigen Vertragsabschlüsse nicht bekannt, doch lässt der Versicherer durchblicken, dass es ein ganz gutes Geschäft sei und das Interesse beachtlich: "Wir haben täglich Anfragen und auch welche aus den Nachbarländern. Über ein Angebot dieser Versicherung auch in anderen Ländern denken wir nach", sagt Pedak.

Atomarer Super-GAU alle 10 bis 20 Jahre

Dass es gar nicht so unwahrscheilich ist, dass sich früher oder später ein weiterer GAU wie einst in Tschernobyl ereignen wird, belegen die Zahlen einer Analyse vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Einmal im Zeitraum von zehn bis zwanzig Jahren weltweit sei die Katastrophe durchaus wahrscheinlich. Dort, wo besonders viele Reaktoren stehen, ist die Wahrscheinlichkeit entsprechend höher. Eine besondere Dichte an Reaktoren findet sich übrigens in Westeuropa. Auch konnte man errechnen, wie die Schadensbilanz bei einer Reaktorkatastrophe in Europa ausfallen würde, auch wenn dies freilich Schätzungen sind. Die Versicherungsforen Leipzig kamen auf eine Summe zwischen 150 bis 6.363 Milliarden Euro. Indem Häufigkeit und Schadensumfang bekannt waren, konnte sich der Versicherer also ans Werk machen und sein Produkt auf den Markt bringen.

Denn eine Haftung für derartige Fälle wird von den Betreibern von Atomkraftwerken bisher nur minimal geleistet. So bewegt sich die vorgeschriebene Deckungssumme von AKW-Betreibern für alle Länder der EU zwischen 0,1 und 2,5 Milliarden Euro. In den Ländern Deutschland und Schweiz geht darüber hinaus noch das Konzernvermögen in die Haftungssumme der Reaktorbetreiber ein. „Ausreichend“ aber ist auch das noch nicht. Und so kritisieren Umweltverbände und Grüne das Versicherungsprodukt von L'Amies: "Der Vorstoß dieser privaten Versicherung ist vielleicht gut gemeint", so Rebecca Harms als Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, "doch das ändert nichts an dem eigentlichen Problem. Alle Atomkraftwerke in der EU sind unterversichert. Klar ist, dass der Staat, also wir alle die Risiken tragen und sich die Unternehmen aus der Verantwortung ziehen und zwar mit staatlicher Duldung."

Kraftwerksbetreiber kommen im Schadensfall zu billig davon

Die Grüne engagiert sich schon sehr lange dafür, dass die Atomindustrie endlich haftet für die Schäden, die sie vermag anzurichten: "Es ist absurd, dass eine Industrie viel Geld verdient mit alten, immer riskanteren Atomkraftwerken in der EU. Und im Schadensfall so billig davon kommen soll." Ebenso sieht es Adam Pawloff von Greenpeace in Wien: "Dass jetzt Privatpersonen für eine Versicherungspolice extra zahlen, für Risiken, die der Kraftwerksbetreiber verursacht, das ist hochgradig zynisch." Pawloffs Ziel ist es, die Befreiung der Kraftwerksbetreiber von der kompletten Haftung zu beenden. Greenpeace hält die derzeitige Situation ferner für eine versteckte Subvention der Atomenergie. Dass es ein Defizit bei den Haftungsregelungen bei Atomkatastrophen gibt, stellte nach Fukushima auch die Europäische Kommission fest. Passiert ist aber seither nichts.

Risikofonds verteuert Atomstrom

Pawloff fände es viel sinnvoller, wenn alle Reaktorbetreiber in einen öffentlichen Fonds einzahlen würden, der alle Risiken abdeckt, so war auf DW zu lesen. Für den Fall eines solchen Fonds errechneten die Versicherungsforen Leipzig für eine Kilowattstunde Atomstrom eine Preissteigerung um 14 bis 67 Cent. Immerhin steigerte der französische Atomkonzern EDF jüngst sein Haftungslimit. Der Konzern betreibt erstaunliche 58 Reaktoren und dehnte sein Haftungslimit von derzeit 91 Millionen Euro ab Mitte Februar auf 700 Millionen Euro aus. Das ist ganz nett, finden Atomkraftgegner – aber im Hinblick auf die Dimensionen eines mögliches GAUs sei der Betrag nach wie vor eher von symbolischem Wert. Zum Vergleich: Bei einer privaten Kfz-Haftpflicht sind heute pauschale Deckungssummen von 50 bis 100 Millionen Euro üblich. Und hierbei ist als Risiko kein Atomkraftwerk abgesichert, sondern in der Regel ein einziges Auto!

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Demgegenüber lehnt der größte deutsche Energieversorger namens Eon, der vier Atomreaktoren an der österreichischen Grenze unterhält, eine Steigerung seiner Haftung ab. Zu der privaten Atomversicherung von L'Amie mochte er sich nicht äußern und fühlte sich für den Ernstfall offenbar bestens gerüstet, als er in der Stellungnahme gegenüber der DW mitteilte: "Mit einer Deckungsvorsorge von 2,5 Milliarden Euro nimmt Deutschland eine Spitzenposition ein". In Addition zum Konzernvermögen seien "mögliche Schadensersatzforderungen bei Unfällen rundum abgedeckt."

dw.com

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