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27.11.2015

Kolumne Versicherung - Die Branche ist unter Beobachtung

GDV Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.

Mit der großen Koalition scheint es ein „Stillhalteabkommen“ gegenüber der Versicherungsbranche zu geben. Die Branche braucht dies aber auch nach heftigen Jahren der Finanzkrise, überbordender Regulierung aus Brüssel und natürlich den letzten Vorbereitungen für die Umsetzung von Solvency II. Aber die Stille trügt. Ein Beitrag von Dr. Peter Schmidt.

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Dr. Peter Schmidt ist Unternehmensberater und Inhaber von Consulting & Coaching. Traditionell treffen sich die Vertreter der Versicherungsbranche zum Ende eines jeden Jahres zur Mitgliederversammlung des GDV. Inzwischen repräsentieren die 460 Mitgliedsunternehmen fast einhundert Prozent des deutschen Versicherungsmarktes. Hinter den Unternehmen steckt eine enorme Wirtschaftskraft, die in manchen Diskussionen des Alltags außer Acht gelassen wird, wenn es mal wieder um Verfehlungen einzelner „Versicherungsvertreter“ geht.

1,45 Billionen Euro Kapitalanlagen, die in Projekten der Wirtschaft und des Staates stecken, sind ein wesentlicher Faktor für Investitionen und Innovationen in unserem Land und darüber hinaus. Gleichzeitig ist die Versicherungswirtschaft einer der größten Arbeitgeber Deutschlands mit über einer halben Million Erwerbstätigen. Und mit über 400 Millionen Verträgen leistet die Branche einen gewichtigen Beitrag für die Risikoabsicherung der Industrie, für dem Mittelstand und viele Privatkunden in Deutschland, in Europa und in der Welt.

Das Thema der Branche – Digitalisierung

Nicht zum ersten Mal, aber wohl noch nie so eindringlich und ideenreich, wurde beim 2015er GDV- Versicherungstag das Thema Digitalisierung besprochen und diskutiert. „Wir müssen noch viel radikaler als früher vom Kunden her denken“ appellierte GDV-Präsident Alexander Erdland an die Spitzenmanager der Branche.

Der EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Günther Oettinger, ging mit den Chefs der Versicherer noch klarer ins Gericht. Die Branche solle nicht weiter über die Niedrigzinsphase lamentieren sondern sich schnellstens mit der im vollen Gange befindlichen digitalen Revolution befassen. „In den nächsten fünf Jahren wird mehr passieren als in den vergangenen fünf Jahrzehnten...Wir reden heute immer von Industrie 4.0. Doch es geht um Wirtschaft 4.0 und dazu gehören eben auch die Versicherer“, sagte Oettinger.

Doch nicht nur in der Frage der schleppenden Reaktion der Branche auf die Digitalisierung (in diesem Artikel gehen wir nicht weiter darauf ein) war Spannung in den Tagungen und bei den Diskussionen auf den Fluren angesagt. Der Schlussspurt für Solvency II spielte dabei ebenso eine große Rolle wie die steigenden Anforderungen aus dem Verbraucherschutz.

Versicherer mit Neuerungen 2016

Die Inhalte und der Zeitplan für Solcency II waren zäh und zogen sich über Monate und Jahre hin. Besonders die Anforderungen an kleine und mittlere Unternehmen waren ein qualvoller Prozess, der nun zu Ende geht.

Am 1.1.2016 startet Solvency II definitiv. Die Kernpunkte des Projektes sind neue ökonomische Kapitalanforderungen, Stärkung des Risikomanagements und ein neues Aufsichtssystem. Damit soll das Vertrauen der Kunden in die Versicherungswirtschaft gestärkt werden und zugleich die Stabilität der Unternehmen auf breitere Basis gestallt werden. Bereits im Sommer hatte GDV-Präsident Erdland für die deutschen Lebensversicherer festgestellt:

„Die deutsche Lebensversicherungsbranche hat sich intensiv auf Solvency II vorbereitet. Weitere Anstrengungen sind nötig, um den Herausforderungen einer lang andauernden Niedrigzinsphase Rechnung zu tragen.“

Ebenfalls zum 1.1.2016 sollen die Leitlinien des PKV-Verbandes für einen erleichterten Tarifwechsel der privatversicherten Kunden umgesetzt werden. Das Projekt war besonders für die Versicherer, die ein breites Tarifwerk haben, eine Herausforderung in technischer und aktuarischer Richtung.

Der Umgang der Versicherer mit den Rechten der Kunden zu den Möglichkeiten der Tarifoptimierung ihrer privaten Krankenversicherungen war immer wieder auf Kritik der Politik und vor allem der Verbraucherschützer gestoßen. Nicht zuletzt hat die Kundenkritik an einigen unseriösen „Tarifoptimierern“das Thema um den §204 VVG immer wieder befeuert.

Aus welchen Motiven auch immer - die Branche setzt jetzt die gesetzlichen Vorgaben in Form von „Leitlinien der Privaten Krankenversicherung für einen transparenten und kundenorientierten Tarifwechsel“ konsequent um. Die PKV-Unternehmen wollen die Kunde nicht erst ab dem 60. Lebensjahr automatisch (!) bei Tariferhöhungen über alternative Möglichkeiten informieren, so wie es das Gesetz vorsieht. Bereits ab dem 55. Lebensjahr wird es jetzt diese Vorschläge geben.

Klare Service-Level-Agreements zu den Reaktionszeiten der Versicherer auf diese Kundenwünsche runden die Transparenz und Servicebereitschaft ab. Damit dürfte dann auch den Scharlatanen unter den Optimierern das Wasser abgegraben werden.

Ebenfalls für Januar 2016 ist der Start des „Unfallmeldesteckers“ der GDV-Unternehmen für KFZ-Versicherungskunden geplant. Mit diesem eigenen Notrufsystem wollen die Versicherer den Autoherstellern zuvorkommen, die ab 2018 in Europa alle Neuwagen mit dem E-Call ausstatten wollen.

Mit dem System „Notrufstecker“ sollen Rettungskräfte schneller von Unfällen erfahren und früher vor Ort sein. Der Unfallmeldedienst der Versicherer (UMD) berichtet, mit dem Stecker, der einem Ladestecker für Smartphone für PKW ähnelt, können Besitzer von Gebrauchtwagen ihren PKW dann leicht nachzurüsten.

Verbraucherschutz weiter im Aufwind

Nicht erst durch die neue Richtlinie des EU-Parlaments für die Vermittlung von Versicherungen wird der Verbraucherschutz für die Branche stärker in den Fokus rücken. Ziel des Ende 2017 in Kraft tretenden Gesetzes ist es, die Verbraucher besser in die Lage zu versetzen, Angebote zu vergleichen und besser zu verstehen, welche Policen sie kaufen. Die EU will außerdem die Bedingungen für einen fairen Wettbewerb verbessern.

Axel Wehling, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, kommentierte die „Insurance Distribution Directive“ (IDD) so:

„Die IDD schafft eine stabile und europaweit einheitliche Basis für einen fairen Versicherungsvertrieb. Erhöhte Transparenzanforderungen und neue Regeln für die Weiterbildung der Versicherungsvermittler werden zu steigender Beratungsqualität im Interesse der Kunden beitragen. Damit bekommt die europäische Versicherungswirtschaft ein modernes und zukunftsfähiges Regelwerk.“

Vor diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, dass die Branche alles vermeiden will, was die Politik stärker auf den Plan ruft und eine noch stärkere Regulierung provoziert. Die Branchenspitzen haben deshalb zwar diplomatisch aber klar gegenüber den Mitgliedsunternehmen zu einer „sauberen“ Umsetzung des LVRG aufgerufen.

So ist das geplante Controlling durch das BaFin zur endkundenorientierten Umsetzung der Kostensenkungsziele mehr als ein erhobener Zeigefinger. Denn jeder Fall des Verstoßes gegen das LVRG würde sofort auf die Branche abfärben und die Politik wieder auf den Plan rufen. Und so kann man sich des Eindrucks auch nicht erwehren, dass das letzte Buch zum Komplex „Provisionsverbot“ noch nicht geschrieben ist.

Versicherungsthemen mit politischer Dimension

Zu den diffizilen Themen der GDV-Tagung 2015 gehört auch die Fragen der Versicherung von Kunden in hochwassergefährdeten Regionen, die Hebammenhaftpflichtversicherung sowie - ganz aktuell - die Diskussionen um die Versicherung von Flüchtlingsunterkünften.

Die genannten Themen sind keine normalen Fachthemen. Der Umgang mit solchen schwierigen Versicherungsthemen hat immer auch eine politische Dimension. Immer wieder zeigen die emotionsgeladenen Diskussionen wie beispielsweise um das Thema Versicherung der Hebammen die Schwerfälligkeit der Branche als Ganzes bei privatwirtschaftlichen Lösungen komplizierter Fragen.

Will die Branche auch weiterhin eine herausragende Rolle in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft spielen, dann muss das übliche „Wegducken“ der Vergangenheit angehören. Aber Veränderung im bisherigen Verhalten ist zu spüren oder bereits neue Realität.

Es hat eine Lösung in Sachen stärkerer Transparenz im Umgang mit §204 VVG-Anfragen der Kunden gegeben. Es wird eine Lösung für die Hebammen geben. Es hat ein klares Bekenntnis der Branche zur Versicherung von Flüchtlingsunterkünften und vor allem der ins Land kommenden Menschen gegeben.

Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender des Hauptausschusses des GDV, benennt die besondere Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen im Magazin des GDV „Positionen“ so:

„Wir schätzen, dass die Zahl der versicherten Flüchtlingsunterkünfte inzwischen im fünfstelligen Bereich liegt, hinzukommen zigtausende Wohnungen... (und die) Versicherer sehen ihren Auftrag darin, Flüchtlingen eine sichere Unterbringung zu ermöglichen.“

Fazit

Als jahrzehntelanger Akteur in der Branche bin ich bei den 2015er Tagungen der Branche zum persönlichen Fazit gekommen, dass die Zeit eines notwendigen und besseren Miteinanders der Versicherer gekommen ist.

Es ist aber auch die Zeit angebrochen, in der Verbraucherschutz nicht mehr nur als wirre Tests von unkundigen alternativen „Typen“ abgetan werden kann. Der Verbraucherschutz ist Mitten in Europa, mitten in unserer Gesellschaft und damit in der Politik angekommen.

Mehr Verbraucherschutz darf die Branche nicht mehr als Angriff verstehen. Der Verbraucherschutz kann als Katalysator für die Zurückgewinnung von verlorenem Kundenvertrauen wirken. Mehr Verbraucherschutz ist also Chance und Argument für unsere klassische Versicherungstradition in Deutschland.

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Die Branche wird ihre herausragende Position in unserer Gesellschaft nur sichern können, wenn das Vertrauen der Kunden mit erstklassigen Vorsorgeangeboten und bestem Risikoschutz, mehr Transparenz und der nachhaltigen Bewältigung des steinreichen Weges der Digitalisierung gelingt. Dann werden wir auch in der Zukunft ankommen.

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