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29.10.2015

Finanz- und LebenskriseEuropa - Kinder und Jugendliche sind Verlierer der Finanzkrise

Die Armut unter den europäischen Kindern und Jugendlichen wächst (Symbolfoto). tasarimci06

Nicht etwa die Banken oder Wirtschaftsunternehmen sind Opfer der europäischen Wirtschafts- und Schuldenkrise, sondern die ganz jungen: Kinder und Jugendliche, die vielleicht noch gar nicht auf der Welt waren, als die „Krise“ über Europa hereinbrach. Das zumindest legt die neueste Studie der Bertelsmann Stiftung nahe.

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Es sind alarmierende Zahlen. 26 Millionen Kinder und Jugendliche sind innerhalb der siebenundzwanzig EU-Staaten von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, so das Ergebnis des Social Justice Index 2015 der Bertelsmann Stiftung. Die Zahl entspricht immerhin 29,9 Prozent aller jungen Europäer unter achtzehn Jahren. Ferner mussten die Forscher konstatieren, dass es eine wachsende Distanz zwischen Jung und Alt gibt und dass die soziale Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa weiterhin beachtlich bleibt – womit sich die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit stellt.

Deutschland erreicht Rang 7 auf dem Social Justice Index 2015

Unter allen untersuchten EU-Staaten konnte Deutschland auf dem Social Justice Index 2015 den Rang 7 bestreiten. Die Länder im Süden Europas, Spanien, Griechenland, Italien und Portugal hingegen kommen auf 7,6 Millionen Kinder und Jugendliche, die akut mit Armut oder sozialer Ausgrenzung konfrontiert sind. In der vergangenen Jahren seit 2007 ist diese Zahl angewachsen, damals stand sie bei 6,4 Millionen. Ausschlaggebend für die Einordnung in der Kategorie „von Armut bedroht“ ist, ob ein Kind in einem Haushalt mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens lebt, in quasi-erwerbslosen Haushalten aufwächst oder ob es unter schweren materiellen Entbehrungen leidet.

Doch nicht nur die ganz jungen Europäer werden zunehmend von den Krisenerscheinungen an den Rand gedrückt. Auch in der Gruppe der 20- bis 24-jährigen EU-Bürger bestehen prekäre Situationen. Insgesamt 5,4 Millionen Europäer dieser Alterskohorte befinden sich aktuell weder in einer Ausbildung noch in einer Beschäftigung. Dabei beunruhigt der Fakt, dass sich in 25 Mitgliedstaaten der EU die Zahl jener, die ohne Ausbildung und ohne Beschäftigung auskommen müssen, seit 2008 teils erheblich erhöht hat. Die übrigen zwei Länder, die davon wenig betroffen sind, finden sich in den nördlicheren Regionen: Deutschland und Schweden. Besonders in den südeuropäischen Länder aber schlägt die negative Entwicklung zu Buche. Allein in Spanien ist der Anteil der betroffenen 20- bis 24-Jährigen von 16,6 auf 24,8 Prozent, in Italien sogar von 21,6 auf 32 Prozent gewachsen.

Kluft zwischen Alt und Jung, Süd und Nord

Neben dem Auseinanderdriften zwischen den Ländern in Nord- und Südeuropa stellte die Studie außerdem fest, dass europaweit die Kluft zwischen den Generationen zunimmt. Denn gleichzeitig zur Zunahme der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Kinder im EU-Durchschnitt seit 2007 von 26,4 auf 27,9 Prozent ergab sich für den entsprechenden Anteil in der Bevölkerungsgruppe der 65-Jährigen von 24,4 auf 17,8 Prozent eine Verringerung. Die Ursache davon liegt auf der Hand: während die Einkommen der jungen Bevölkerung stark abnahmen, gab es im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise bei den Renten und Altersbezügen der älteren Menschen keine beziehungsweise weniger starke Einschnitte.

Neben den Abweichungen bei Gehalts- und Rentenentwicklungen treten drei weitere gegensätzliche Entwicklungen zwischen Jung und Alt europaweit zu Tage: 1. Die steigende Verschuldung der öffentlichen Haushalte. Diese belastet vor allem die jüngeren Generationen, denn Zukunftsinvestitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung stagnieren, während alternde Gesellschaften den Druck auf die Finanzierbarkeit sozialer Sicherungssysteme erhöhen.

Aart De Geus, der Vorsitzende des Vorstands der Bertelsmann Stiftung, stellte diesen Entwicklungen bei der Ergebnisauswertung die bereits bestehende Beschäftigungsgarantie und -initiative der EU für junge Menschen entgegen: "Wir können uns eine verlorene Generation in Europa weder sozial noch ökonomisch leisten. Die EU-Staaten müssen besondere Anstrengungen unternehmen, um die Chancen junger Menschen nachhaltig zu verbessern." Es sei unabdingbar, dass die 27 Mitgliedstaaten diese Garantie konsequent umsetzten und mit den nötigen finanziellen Mitteln ausstatten würden. Zwar sind hier und da in einigen der europäischen Ländern kleine Lichtblicke und dezente Aufwärtsentwicklungen am Arbeitsmarkt zu verzeichnen. Doch von einer umfassenden Trendwende in Sachen sozialer Gerechtigkeit ist man noch weit entfernt.

BRD: Hohe Beschäftigung - aber viele atypisch Beschäftigte

Einen der Lichtblicke stellt zweifelsohne die Bundesrepublik dar, auf den ersten Blick. Auch wenn sie „nur“ auf dem siebenten Platz rangiert, so profitiert sie doch stark von einer sehr guten Arbeitsmarktsituation. Denn im Vergleich mit den anderen EU-Staaten weist die BRD mit 73,8 Prozent die zweithöchste Beschäftigungsquote in Europa auf. Spitzenreiter ist Deutschland mit 7,7 Prozent in puncto niedrigste Jugendarbeitslosigkeit. Gleichwohl: trotz der weitgehenden Unterbringung vieler Deutscher auf dem Arbeitsmarkt, so sind doch immerhin rund 40 Prozent all jener abhängig Beschäftigten in sogenannten atypischen Beschäftigungsformen untergekommen.

Auch ist der Anteil der Menschen, die trotz der Ausübung eines Vollzeitjobs von Armut bedroht sind, in Deutschland zwischen 2009 und 2013 stark gestiegen von zunächst 5,1 auf heute 6,3 Prozent. Noch ist der EU-weite Trend einer wachsenden Kluft zwischen Jung und Alt bei Armut und sozialer Ausgrenzung in Deutschland im Vergleich schwach ausgeprägt, doch zeigt auch hier ein Vergleich, dass der Anteil der unter 18-Jährigen, die von schweren materiellen Entbehrungen betroffen sind, höher ist als in der Gruppe der über 65-Jährigen (5 gegenüber 3,2 Prozent).

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Diese Entwicklung macht sich auch in der Bewertungskategorie „Generationengerechtigkeit“ bemerkbar. In diesem Punkt ist Deutschland im Vergleich zur Vorjahresuntersuchung ganz beachtlich abgerutscht, nämlich von Rang 10 auf Rang 15. Bei insgesamt 27 Teilnehmern liegt die Bundesrepublik damit nun jenseits der Mitte.

Bertelsmann Stiftung

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