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29.07.2015

FinanzaufsichtLebensversicherung: Sind europäische Lebensversicherer auf Krise schlecht vorbereitet?

Werden einige Lebensversicherungen bald Schiffbruch erleiden und damit das ganze Finanzsystem anstecken? Der Europäische Krisen-Ausschuss ESRB ist alarmiert (Symbolbild)Alexas_Fotos@Pixabay.com

Lebensversicherung: Sind die Lebensversicherer schlecht auf eine mögliche Krise vorbereitet? Laut einem Zeitungsbericht schlagen die EU-Stabilitätswächter Alarm: sie verlangen, dass die Gesellschaften höhere Rücklagen bilden und keine Dividenden mehr auszahlen. Ausgerechnet in Deutschland sollen die Risiken sehr hoch sein.

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Die EU-Finanzmarktwächter sehen die europäischen Lebensversicherer in einer schlechten Verfassung. Der von der EU eingesetzte Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) verlangt rasche Maßnahmen von Politikern und Aufsichtsbehörden, um auf eine Pleite von Gesellschaften besser vorbereitet zu sein. Dies berichtet Versicherungskorrespondent Herbert Fromme in der Süddeutschen Zeitung (Mittwoch).

Insolvenz großer Lebensversicherer mit nationalen Lösungen nicht aufzufangen

Die Finanzexperten fordern eine EU-weite Auffanglösung für den Fall, dass der anhaltende Niedrigzins mehrere Anbieter ins Straucheln bringt. Nationale Lösungen wie das deutsche Protektor-System seien „offenbar nicht in der Lage, mit der möglichen Insolvenz großer Lebensversicherer oder der gleichzeitigen Insolvenz mehrerer kleinerer Lebensversicherer fertig zu werden“, zitiert das Blatt ESRB-Mitglieder. Der Ausschuss für Systemrisiken ist in Frankfurt bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelt.

Die Forderungen gehen noch weiter – und betreffen auch Hochkaräter der Branche. Transnationale Konzerne wie die Allianz, Munich Re (u.a. Ergo) und Talanx sollen daran gehindert werden, von ihren Lebensversicherungs-Töchtern Dividenden zu erhalten. Stattdessen soll das Geld, welches nicht an die Aktionäre ausgeschüttet wird, in die Krisenprävention fließen und zur Bildung höherer Rückstellungen verwendet werden. Das könnte dazu beitragen, das Modell „Lebensversicherung“ auch in den Augen der Anbieter uninteressanter zu machen.

Neben den niedrigen Zinsen wird eine Gefahr für die Lebensversicherung im steigenden Misstrauen der Kunden gesehen. Eine Kündigungswelle könnte die ganze Branche destabilisieren. Allein im letzten Jahr wurden deutschlandweit Verträge im Wert von 15 Milliarden Euro storniert (Versicherungsbote berichtete). Auch die hohen Zinsversprechen aus besseren Zeiten belasten aktuell die Versicherer. Im Neugeschäft sind die Anbieter zunehmend von Einmalbeiträgen abhängig, weil viele Kunden sich nicht mehr über Jahrzehnte hinweg an die Verträge binden wollen. In Deutschland sind derzeit mehr als 60 Millionen Kapitallebensversicherungen im Wert von etwa 900 Milliarden Dollar in Kraft.

Lebensversicherer sind systemrelevant

Doch die Schärfe der Forderungen hat einen Grund. Viele Lebensversicherer sind so groß und so vernetzt, dass ihnen eine Systemrelevanz kaum abgesprochen werden kann. So fürchten die Frankfurter Finanzexperten, dass eine neuerliche Finanzkrise wie 2008 diesmal von der Versicherungsbranche ausgelöst wird und nicht vom Bankensektor. Eine Krise der Lebensversicherer könnte das gesamte Finanzsystem anstecken.

„Die Anlagen der Lebensversicherer entsprechen 53 Prozent des Bruttoinlandprodukts der EU“, heißt es in einem unveröffentlichten Papier des ESRB vom 8. Juni 2015, aus dem die Süddeutsche zitiert. Und weiter: „Die Versicherer in der EU halten ein Drittel aller Anleihen“. Befürchtet wird u.a. eine große Kündigungswelle von Verträgen, wenn Kunden das Vertrauen in die Lebensversicherung verlieren. „Das kann zu bedeutenden Preisveränderungen auf den Märkten führen und die Finanzierungskosten anderer Sektoren beeinflussen“, so der ESRB. Brisant: Am meisten bedroht seien die Gesellschaften in Deutschland, Schweden, Österreich und den Niederlanden.

Solvency II nicht ausreichend?

Doch was ist mit der sogenannten Solvency II-Richtlinie, die ab 2016 in der gesamten EU umgesetzt werden soll? War sie nicht angedacht, die Stabilität der Versicherer zu garantieren? Hierzu fällt der ESRB ein vernichtendes Urteil. „Die Zinsannahmen in Solvency II verschleiern die wahre Höhe der Verpflichtungen der Lebensversicherer“, heißt es in dem Papier. Mit anderen Worten: Die Gesellschaften haben ihren Kunden in besseren Zeiten zu hohe Versprechungen gemacht. Nun könnten auch die verschärften Kapitalanforderungen sie nicht vor einem möglichen Kollaps bewahren.

Besonders stoßen sich die Finanzwächter an der Annahme der Aufsichtsbehörden, die Versicherer könnten mit Kapitalanlagen langfristig und risikofrei 4,2 Prozent pro Jahr erwirtschaften. Die Erwartung für die Langfristzinsen (Ultimate Forward Rate) seien um 0,5 bis 1,0 Prozent überhöht und verschärfen den Druck auf die Versicherer, so die Einschätzung des ESRB. Werden die Annahmen über künftige Zinsentwicklungen nicht herabgesetzt, müssten die Lebensversicherer in sehr kurzer Zeit Milliarden an zusätzlichen Rückstellungen aufbauen, um alle Anforderungen zu erfüllen.

Bundesregierung sieht Lebensversicherer gut vorbereitet

Doch zusätzliche Rückstellungen sind in der Branche tabu; schon die Solvency II-Anforderungen stießen bei den Versicherern auf viel Kritik. Die Süddeutsche bemühte sich um eine Stellungnahme des GDV zu dem Papier des Krisen-Ausschusses, aber der Dachverband der Versicherer verweigerte eine Aussage. So bleibt nur zu hoffen, dass der Ausschuss die Situation zu pessimistisch einschätzt, denn es gibt auch gegenteilige Prognosen: zum Beispiel von der deutschen Bundesregierung.

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“Die Untersuchungen der Bafin zeigen, dass die deutschen Versicherer für Solvency II gut gerüstet sind und branchenweit gesehen kein weiterer Handlungsbedarf besteht“, wehrte sich ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums gegen den Vorwurf des Grünen-Finanzexperten Sven Giegold, die Bundesregierung würde durch ihr Nichtstun die nächste Finanzkrise herbeiführen. Die Ultimate Forward Rate sei nur einer von vielen Faktoren hinsichtlich der Eigenkapitalausstattung, so das Bundesfinanzministerium.

Süddeutsche Zeitung

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